Bild Karfreitags- Besinnung
Besinnung an Karfreitag  „Hände“, April 2020


Der Friede Gottes sei mit uns allen. Amen
Jesus Christus spricht: Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern, dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.
Mit diesem Wort aus dem Matthäusevangelium ( Mt. 20, 28 ) begrüsse ich Sie herzlich zu unserer Besinnung an Karfreitag. Dieses Wort lenkt unsern Blick auf das Kreuz. Wir besinnen uns auf Christus, seinen Weg zum Kreuz. Wir besinnen uns auf sein Leiden ( Passion ). Die Hälfte des Lebens Jesu ist ja eine Leidensgeschichte, die besteht aus Einsamkeit, aus Gefangenschaft; über ihn wird ein Urteil gefällt; dann ist das Kreuz und die Kreuzigung. Das Grab.
Das klingt schwermütig. Und wir fragen uns: Müssen wir überhaupt daran erinnert werden? Geht uns das was an?
Alles geht uns an!  All unsere Gedanken kreisen darum, ob wir es wollen oder nicht, denn es ist unsere eigene Angst; es ist unsere eigene Einsamkeit. Und all unsere Gebete, unsere Hoffnung, unser Schweigen, das wir vor Gott bringen  – all das fängt erst hier an, zu sprechen.

Hände haben Christus ans Kreuz gebracht; haben Jesu Hände ans Kreuz genagelt: Jesu Hände, die schwach und gebunden wurden, und die dennoch dienen und trösten; Hände, die Hungernden auch Brot geben und damit Leben retten. Zugleich sind das unsere Hände: unsere Hände, die schlagen, die festnageln, sind auch unsere Hände, die gebunden sind, die aber auch trösten und helfen, dienen und Leben retten können, wenn wir uns von Gott leiten lassen.

Wir sprechen mit dem Beter aus Psalm 27. ( V. 7-9.11-14 )
Gott, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich.
Ich suche dein Antlitz. Verbirg es nicht vor mir. Denn du bist meine Hilfe. Verlass mich nicht, und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil. Weise mir deinen Weg und leite mich auf ebener Bahn. Gib mich nicht preis dem Willen meiner Feinde. Ich glaube trotz allem, dass ich sehen werde die Güte Gottes im Lande der Lebendigen. Hört den Zuspruch:
Harre des Herrn. Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn. Amen                                                                                                                                                                                                                                                                                  

Impuls: Es gibt viele Kreuzigungsbilder. Ein Bild fällt heraus aus der Reihe der traditionellen Darstellungen: Da beugt sich Christus herunter vom Kreuz. Das ist das Neue. Er bleibt nicht angeheftet, kruzifixus, am Kreuz befestigt. Er neigt sich den Menschen unter dem Kreuz zu.
Wir haben ja das Eingangswort gehört: «Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern, dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.» Das Kreuz: es ist Zeichen von Gottes Dienst an den Menschen. Das Zeichen, dass er sich herabbeugt, um zu dienen. Dazu ist Christus gekommen. Sein Leben gibt er, damit viele befreit werden.
                                                                                                                              
Der Künstler Oskar Kokoschka hat dieses Bild 1946 geschaffen im ersten Nachkriegsjahr. Er schreibt auf den Querbalken des Kreuzes: `Zum Gedächtnis der Kinder Europas, die an Kälte und Hunger sterben müssen.` Und nun werden auch die Gestalten unter dem Kreuz erkennbar. Es sind die Gesichter dieser Kinder, die da hinaufschauen zum Kreuz.
Auf keinem anderen Kreuzesbild finde ich den Gedanken so deutlich wieder: Christus ist derjenige, der gibt. Auch am Kreuz. Oder erst recht da. Und wir sind Empfangende. Seine Gabe ist er selbst. Kokoschka hat das in eindrücklicher Weise gezeigt: Christus bietet den hungernden Kindern seinen Arm. Der Künstler hat in das Bild umgesetzt, was Kern der christlichen Botschaft ist: Gott opfert sich selbst auf für die Menschen.
Als Christus gekreuzigt ist, so berichten die Evangelien, fordern ihn die Menschen unter dem Kreuz auf: „Steig herab vom Kreuz. Damit wir sehen und glauben“. Und einer von denen, die mit ihm gekreuzigt wurden, ruft: „Hilf dir selbst und uns.“  Dieser alte Wunsch – zwischen Spott und Sehnsucht – scheint auf Kokoschkas Bild Gestalt zu erhalten: „Steig herab. Hilf dir selbst und uns.“

Es ist jeher die Sehnsucht der Christen bis heute: Christus möchte sich doch handgreiflich mächtig erweisen, hineingreifen in unsere schlimme Zeit, in unsere Welt, in unsere Not.
Christus bleibt am Kreuz. Und doch reicht er hinein in unsere Welt. Dienend, sein Leben gebend zur Erlösung für viele. Er tut es auf vielfache Weise.
Der Künstler Kokoschka sieht und zeigt vor allem die humanitäre, die mitmenschliche Seite des dienenden Christus. Er macht uns aufmerksam auf die Leidenden in unserer Welt. Wir sind verlängerter Arm des Gekreuzigten. Er bedient sich unserer Hände, um heute zu dienen und Menschen zu befreien. Wir sind aber auch die Menschen, die erwartungsvoll zum Kreuz hinaufschauen, dass er uns helfe und bei uns bleibe durch alles Leid hindurch. Amen  

Gebet: Guter Gott, du lässt uns nicht allein. Du bist immer mit uns auf dem Weg. Hilf, dass wir voll Vertrauen unseren Weg gehen, Wir bitten dich in gemeinsamer Solidarität für die im Gesundheitswesen Arbeitenden und für die Erkrankten und ihre Angehörigen, für alle Menschen, die sich angesichts der aktuellen Lage einsam fühlen, dass sie sich geliebt wissen dürfen.

Wir beten mit allen Christen der Welt: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen

Lasst Euch segnen: Gott segne dich und behüte dich.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Liebe Grüsse, Eure Pfarrerin Almut Neumann